Heute hatte ich mir zum Ziel gesetzt, nur über Stimme zu schreiben. Nicht über das Trainerdrumherum, nicht über persönliche Präsenz oder anderes.

Einerseits habe ich es, denke ich, mit den Stichworten dieses Artikels geschafft, aber andererseits komme ich wieder einmal bei der ganzen Person (oder wie wir Trainer sagen: bei der ganzen Persönlichkeit) heraus.

Was meinem Vater und mir übrig blieb, bevor er im letzten November starb, waren unsere Gespräche. Sie waren, ganz zuletzt, meistens scheinbar nichts so Weltbewegendes, in Krisen aber dann doch.

An seine Stimme werde ich mich immer wieder erinnern. An seine Stimme – und an die von vielen anderen – werde ich mich mein Leben lang erinnern.

Körperlich hatte er sich in den letzten Jahren sehr verändert. Zwei Mal so stark, dass ich wirklich einen Schreck bekam, als ich ihn nach längerer Zeit wieder sah.
Wir hatten nur telefoniert, für Monate, weil wir einige hundert Kilometer auseinander wohnten, aber da konnte man die Veränderungen nur wenig wahrnehmen.

Als ich ihn sah, war er sichtlich in sich zusammen gesunken und es war mir irgendwann klar, dass es letztlich dem Ende entgegen ging. Ich gehe heute davon aus, dass es ihm auch klar war und er nicht mehr wollte. Er suchte meine Nähe und ich denke, dass unsere täglichen, kurzen Begegnungen per Telefon für ihn wesentlich waren.

Ich spürte nämlich vor einigen Jahren, dass ich derjenige war, der ihn deshalb am besten verstand, weil ich seine Sensibilität besaß. Die sehr stark war und bei mir, seinem Sohn, als Empathie, als eines der zwei oder drei wesentlichen Elemente, in meine Arbeit als Trainer einfliesst.

Ich kann in kurzer Zeit auf andere Menschen eingehen, so intensiv, dass sie für sich viel bewegen können. Das zeigten viele, für mich selbst erstaunliche, Feedbacks am Ende der Trainings oder der Seminare.
Ich werde sie nie vergessen und bin sehr dankbar dafür.

Diese Empathie konnte in starker Weise über die Stimme wirken, und mein Vater hatte das sein ganzes Leben lang genutzt, ohne es zu wissen. Es wurde mir so richtig klar, als er, schon blind und gebrechlich, seine Pflegerin zu beeindrucken wusste. Und das war so stark, dass ich auch das nie vergessen werde. Seine Persönlichkeit suchte sich auch unter diesen Umständen ihren Weg, und die Stimme ermöglichte es ihm, bald so stark zu wirken wie früher.

Er hatte bei vielen Leuten einen bleibenden, sehr positiven Eindruck hinterlassen. Der kam durch seine Einstellung, aber auch durch seine Stimme und, wie mir später erst klar wurde, durch sein Einfühlungsvermögen.

Was ihm in den letzten Jahren sehr nahe ging, war, dass er nach und nach sein Augenlicht verloren hatte. Er war also auf sein Gedächtnis angewiesen und führte über Gespräche bis zuletzt seine umfangreichen Angelegenheiten.

Und wir sprachen darüber, in alltäglicher Weise. Ich wusste irgendwann, dass das nicht mehr alltäglich war, was wir da machten. Er hielt Kontakt. Es war für ihn wesentlich geworden, bei seiner Blindheit quasi ein Lebenselixier.

So kam es, dass ich mit ihm an seinem letzten Tag noch sprechen konnte. Und am nächsten Tag überrascht war, als seine Pflegerin gegen Mittag nur feststellen konnte, dass er buchstäblich entschlafen war.

Seine große Kraft konnte sich bis zum letzen Moment über seine Stimme entfalten, mich über den körperlichen Zustand fast hinwegtäuschen.

Er hatte das große Glück gehabt, über einen hervorragenden Körper, mit einem sehr guten muskulären Grundzustand, zu verfügen, an den ich appellieren konnte, wenn ich, wie manchmal in den letzten Jahren, mit ihm meine Körperarbeit machte, um ihn wieder ein wenig aufzubauen.
Experimentierfreudig war er eben auch, seine Offenheit war für mich immer wieder wesentlich gewesen, auch wenn sie sich in einigen Punkten bei seinem Älterwerden ins Gegenteil verkehrt hatte.

Er hatte schon als Kind den Wert der Hochsprache erkannt. Für sein Fortkommen, aufgewachsen in finanziell bescheidenen Verhältnissen, war es wichtig, dass er sich in Hochdeutsch ausdrücken konnte. Lebendig, gut gewählt, ohne dass es aufgesetzt war, juristisch exakt, wenn es notwendig war. Das hatte ihn sehr weit gebracht.

Und das hat er an mich weitergegeben.
Ebenso hat er damit die Klarheit an mich weitergegeben, die im Denken und Sprechen durch das Beherrschen der Hochsprache, bis tief ins Unterbewusstsein hinein, etabliert wird.

Mit dieser Stimme, gestützt durch Hochsprache und Körperarbeit, konnte er bis zuletzt leben. Ein Leben führen, das würdig war, bis zum letzten Tag.

Die anderen Völker haben uns dafür immer bewundert und das zu Recht. Für die deutsche Hochsprache. Sie wurde exportiert. Sie war im gesamten europäischen Osten die Lingua Franca, die Verkehrssprache.

Zu Zeiten der politischen Öffnung des Ostens, 1989, wurde mir bekannt, dass es in Osteuropa mehr als 80 Millionen Menschen gab, die das Deutsche beherrschten und es als Verkehrssprache untereinander nutzten. Das ist gewaltig.

Unverständlich deshalb, dass Herr Kohl hin ging und den Kulturetat der Goethe-Institute stark kürzte. Das Gegenteil wäre das Richtige gewesen, wie so Vieles, was diese pseudo-konservativen Regierungen seit 1982 anstellen, nur dem Geld dient und nicht dem Menschen. Seit langem wird das Deutsche so durch das Englische ersetzt.

Diese Entwicklung setzt sich zum Beispiel in der Überwucherung der Hochsprache durch Allüren aus den süddeutschen Dialekten durch, die der Stimme dann auch nicht mehr die elegante Grundlage geben, die sie benötigt, um optimal zu wirken.

Man nimmt dem Menschen gerne eine wesentliche Grundlage für eingenständiges Denken und Wirken, um ihn immer weiter dem Ökonomismus auszuliefern.

Wirkliche Konservative habe ich in der so genannten „konservativen Partei“ noch nie gesehen, außer vielleicht Herrn Richard von Weizsäcker, der die Bedeutung Berlins als neue und alte Hauptstadt in der Mitte Europas sehr wohl erkannt hatte.

Viele weitere Beispiele für den Wert der Stimme fallen mir ein, über mein sehr persönliches Erlebnis mit meinem Vater hinaus.

Meine französische Freundin hatte ich seit 22 Jahren nicht mehr gesehen. Wir hatten mehrere Jahre zusammen gewohnt, bis wir uns auseinander lebten.
Wir waren jung gewesen und besaßen noch nicht die Mittel, um unsere Beziehung zu retten.

Ich war, nach den vielen Jahren, von ihrer Schwester eingeladen worden, die sich an unserem Glück immer gefreut hatte.
Wir aßen, wie früher, im Elternhaus, einem Bauernhof, dieses Mal wurde im Garten aufgetischt, sehr schön.

Als meine frühere Freundin kam, war sie äußerlich schon sehr verändert. Sie schien mir fremd. Ich hatte Mühe, etwas Sinnvolles zu sagen, ohne dass es Smalltalk gewesen wäre, bis ich ihre Stimme hörte.

Und sofort war es wie früher. Leider auch mit den selben Spannungen, mit der selben Frustration, so, als wäre kein Tag vergangen.
Wir gerieten in den selben Dialog und schon war alles wieder vorbei. Wir konnten immer noch keinen Schritt voran machen.

Es lag an ihrem Frust, den sie offensichtlich nicht überwunden hatte. Meine Reflexe taten ein Übriges, ich konnte die Situation nicht führen. So sagte ich das Falsche, ganz unsouverän.

Dabei blieb es leider, aber das Essen verbrachten wir glücklicherweise in sehr angenehmer Atmosphäre. Schließlich waren wir auf dem französischen Land, im Südwesten, und hier kann man kochen.
Diese Begegnung bedeutet mir sehr viel, so wie mir die Beziehung zu dieser Familie viel bedeutet hatte.

Doch die Stimme hatte mir einen Streich gespielt, den ich nicht vergessen habe.

Ich komme nicht umhin zu sagen, dass alle diese Erlebnisse persönliche sind, sein müssen. Es zeigt nur, wie stark die Wirkung der Stimme ist, was den Ausdruck der Persönlichkeit anbelangt.

Aber das geht noch viel weiter. Wer kennt nicht die Berichte aus dem Krieg. Ich spreche von den offenen Erzählungen, von Menschen, die zu dem stehen können, was geschehen war.

Nicht nur einmal habe ich die Berichte über Träume gehört oder gelesen, in denen beschrieben wird, wie die Soldaten immer noch jede Nacht die Schreie der Verwundeten hören, die vorne im Schlachtfeld lagen, unerreichbar für die weiter hinten im Schützengraben. Sie hätten nur ihren eigenen Tod riskiert.

Grausam, diese Erinnerung, im schlechtesten Fall ein Leben lang. Wenn man genauer hin hört, ist es die Stimme, die die Geplagten ein Leben lang verfolgt.

Aber es gibt auch das Gegenbeispiel, nämlich wie Kriege durch Stimme und Sprache verhindert werden.

Ein sehr guter Freund von mir, Franzose, war Dolmetscher für Japanisch und Englisch. Peter Scholl-Latour erinnert mich sehr an ihn, seine Abenteuerlust, seine ungeheuren Qualitäten und seine Offenheit.

Er hatte für zwei französische Präsidenten gearbeitet, und weil er so gut war und das auch wusste, kostete es mich eine Weile, ihn auch von meiner Arbeit zu überzeugen und nicht nur eine Freundschaft ohne den beruflichen Hintergrund zu führen, wo doch unsere Arbeitsfelder so nahe beieinander lagen.

Länder wie Frankreich oder England haben in der Entourage ihrer Landesführer die allerbesten Fachleute. Vor ihrer Arbeit habe ich ganz besonderen Respekt. In Deutschland kann ich das nur mit Willy Brandt und seinen Mitarbeitern wie Egon Bahr oder anderen vergleichen.

Die persönliche und fachliche Unglaubwürdigkeit einer Person wie Frau Merkel kann man alleine schon daran erkennen, wie sie spricht. Dass das von mehr als 40 % der Wähler nicht erkannt wird, halte ich fachlich und persönlich für ein tiefergehendes Problem des Nachkriegsdeutschland. Hierzu werde ich mich in einem späteren Blog noch umfassend äußern.

Vergleichbare sprachliche und stimmliche Unfähigkeit findet sich ganz leicht auch in ihrer „Entourage“. Namen zu nennen erspare ich mir.
Und ihr Ziehvater war Herr Kohl. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm…

Kommen wir zurück zu Krieg und Frieden.
Jemand, der einem französischen Präsidenten und zum Beispiel dem japanischen Kaiser dolmetscht, entscheidet letztendlich über Krieg und Frieden. Er verfügt, wie mein Freund, über sehr tiefgehende, persönliche Kenntnisse des Landes und rückt mit sehr wenigen Bemerkungen und durch den Klang der Stimme Missverständnisse zurecht.

Auch als Laie kann man, mit ein wenig Gefühl, erkennen, wie sehr sich zum Beispiel Japanisch und Englisch als Sprachen unterscheiden. Dahinter stehen grundverschiedene Kulturen. Frankreich behauptet seine führende Rolle in der Welt in vielen Bereichen nicht von ungefähr.
Dafür braucht es Leute, die Nuancen im Bruchteil einer Sekunde erkennen und umsetzen können, um Missverständnisse und Konflikte zu vermeiden.

Ein Spitzendolmetscher greift also durch Stimme und Sprache tief in die Beziehungen der Länder ein.

Ich habe ihn einmal gefragt, was er denke, warum sich Japan und Deutschland im Krieg als Allierte verstehen konnten. Sie sind sich offenbar doch sehr fremd, dachte ich. Ihre Sprache und ihre Kultur lägen doch sehr weit auseinander.
Um das zu verstehen, muss man sich auch ansehen, dass Japanisch sich von den anderen asiatischen Sprachen im Klang noch einmal deutlich unterscheidet, das ist meine Beobachtung.

An dem Abend, als wir darüber sprachen, saßen wir im vierten Stock auf einem Balkon mit einem der schönsten Blicke der Welt: In einem Städtchen an der Côte d’Azur und wir hatten den Blick auf die Corniches, die Steilwand, hinter uns die Abendsonne.

Das förderte wohl die Antwort schon in mir selbst hervor. Japanisch und Deutsch haben in meinen Augen eines gemeinsam: den vokalschwachen Klang. Ein Engländer sagte einmal abfällig, dass man Deutsch mit dem Bellen eines Hundes vergleichen könne. Gemeint war natürlich der deutsche Kommandoton.

Japanisch besitzt ebenfalls eine sehr harte Aussprache. Für mich ist sie mit dem Deutschen, auf einer sehr allgemeinen Ebene, vergleichbar.

Und mein Freund beglückwünschte mich zu diesem Gedanken und nachdem ich kurze Zeit später das erste Mal für eine alte und große französische Bank gearbeitet hatte, war unser Verhältnis perfekt. Er besuchte mich, um zwei Tage lang mit mir über meine Arbeit zu diskutieren.

Seit zwei Jahren finde ich ihn nicht mehr. Er ist ohne weitere Nachricht aus dem Ort an der Côte d’Azur weggezogen. Ich weiss nicht, ob ihn seine schwere Krankheit schließlich doch eingeholt hat oder oder ob diese attraktive Sechsundzwanzigjährige, die er auf einem Dolmetscherkongress kennengelernt hatte, ihn endlich doch dazu hat bewegen können, mit ihr nach Kalifornien zu gehen, um zu leben, was man leben sollte.

Vor einiger Zeit habe ich eine ehemalige Kinderkrankenschwester kennengelernt. Sie muss in ihrem Beruf sehr gut gewesen sei, denn es ist eine Freude, mit ihr diese geistvollen Unterhaltungen zu führen, neulich zum Beispiel, stundenlang, beim Kaffee im Pavillon am Rhein.

Sie hat mir eine Bestätigung für etwas geliefert, was ich mir seit Jahren gedacht habe (genau das passiert mir öfters und ich kann auf so etwas warten, obwohl ich sehr ungeduldig bin).

Sie erzählt mir, dass sie den Zustand der Kinder an ihrer Stimme erkennen kann. Sie konnte mehrere Zustände klar über die Stimme differenzieren und das Ganze bei etwa zehn Kindern auf der Station.

Was ich bemerkenswert finde, ist, dass ich sie als absolut glaubwürdig und präzise erlebt habe.

Vor ein paar Jahren hörte ich von einer Untersuchung einer Wissenschaftlerin über Babyschreie.
Diese Wissenschaftlerin machte etwa sechstausend Tonaufnahmen von Babyschreien und ließ dann den Computer analysieren.
Und das erbrachte die Differenzierung der Babyschreie nach drei Grundtypen.

Was mich aufbringt, wenn ich daran denke, ist, dass der Mensch automatisch ausgeschlossen wird. Er erscheint im Zeitalter der Neurologie und des Computers nicht mehr als glaubwürdig.

Ich hätte etwas ganz Anderes gemacht: Ich hätte zwölf Hebammen gefragt und mir die Mühe gemacht, darüber nachzudenken, was sie gesagt hätten. Dadurch hätte ich sehr viel mehr Information gewonnen und vor allem den menschlichen Rahmen genutzt und gewahrt, denn genau darum geht es dabei.

Den Menschen durch den Computer ersetzen nur Persönlichkeiten, die keine sind, weil sie sich nicht genug zutrauen. Ob man genau das im Wissenschaftsbetrieb zulassen darf, ist für mich eine wichtige Frage, denn die Wissenschaft sollte letztendlich dem Menschen dienen.

Gerade im Sinne der Objektivität ist es unzulässig, NICHT den Menschen mit einzubeziehen, bei einer fundamentalen Frage der Kommunikation zwischen Kleinstkindern und ihren Betreuern.
Ein Hinweis auf die Intention dieser Untersuchung, im gegebenen Kontext der menschlichen Kommunikation, hätte mir genügt.

Ach ja, immer wenn die automatische Ansage im Bus bei meiner Haltestelle „Clemens August – Strasse“ ankommt und bei deren Betonung dann der Monat herauskommt statt des (Grüß-)August, dann weiss ich, dass es noch sehr lange dauern wird, bis Automaten die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns wirklich nachahmen können.

An starken Tagen kommt mir an dieser Stelle im Bus gerne August der Starke mit seinen 250 Kindern in den Kopf. Das hilft, bei so viel Mangel an Stil in der weiblichen Ansage. Wofür die Sprecherin nichts kann, weil das sowieso nur zusammengesetzt wird, also auf der Ebene des Schnitts, nicht zwischen August und August differenziert wird.

Solange es für das Wort „August“ zwei Bedeutungen gibt, weil man es unterschiedlich betonen kann, solange sollte der Mensch im Vordergrund stehen und nicht die Maschine. Der Computer kann das nur ergänzen, nicht ersetzen.

Das geht natürlich noch, im Vergleich zu den US-Amerikanern. Einen – milde ausgedrückt – nachlässigeren Umgang mit Aussprache als in diesem Land kann ich mir kaum vorstellen. Mich wundert manchmal, dass das Körper und Stimme aushalten, aber die sind ja auch oft durch die übertriebene Sportlichkeit gegangen und zeigen, dass der Körper trotz einseitiger Belastung große Reserven besitzt.

Gerade Englisch hat die wunderbare Hochsprachendefinition namens Oxford-English, die, wie die anderen Hochsprachen, Stimme und Sprache in idealer Weise zueinander bringt.

Dem entgegen stehen die meisten US-amerikanischen Fernsehpräsentationen, von denen ich mich oft einfach angeschrien fühle. Das steigert sich in sogenanten Video-Gebrauchsanweisungen oder Vorträgen, „Keynote“ genannt, die die Stimme oft definitiv entweder fast gar nicht benutzen oder endgültig in eine Art halbsystematisches Kreischen verfallen, das eindeutig zeigt, dass der Sprecher sehr wenig Gelegenheit hatte, kulturelle Breite und Tiefe kennenzulernen und in seinem Ausdruck umzusetzen.

Den aktuellen Gipfel allerdings erlebe ich auf den Seiten der Firma Apple. Dort werde ich grundsätzlich mit „DU“ angesprochen.

„Das 11″ MacBook Air (…), bevor du es wieder aufladen musst. Das (…) Modell sogar bis zu unglaublichen 12 Stunden. So kannst du vom Frühstück bis zum Feierabend arbeiten, ohne an den Strom zu müssen.“

Ja, unglaublich!

„Du willst dich zurücklehnen und entspannen?“

Jetzt schon kaum mehr möglich. Vor allem, wenn man auf der ersten Seite so begrüßt wurde:
„Was wird Dein Vers sein?“
Wenn ich bis jetzt immer noch nicht von diesen übermenschlichen Sprüchen in den Sitz gedrückt wurde, so spätestens bei den folgenden Zeilen:

„Jeder hat etwas, das er teilen möchte. Sieh, wie Menschen das iPad nutzen, um den Geschichten des Lebens ihre eigenen Zeilen hinzuzufügen. Sieh dir „Dein Vers“ an und lies die Geschichten dazu.“

Biblische Größe fällt den Werbestrategen der Firma Apple offensichtlich ganz leicht. Ihr Standort ist ja auch in den USA, dem Land der Sekten. Diesen fast religiösen Befehlen fehlt am Ende nur noch das Ausrufezeichen.
Leider fehlt ihnen auch das „Du“ in Grossbuchstaben. Für mich keine vernachlässigbare Gestaltungsvorschrift für die persönlichste Ansprachemöglichkeit überhaupt.

Nur in den AGB wahrt man die Distanz und kehrt zum Sie zurück.

Hier könnte man etwas Positives zu Ikea sagen (aber dafür können die wohl auch nichts). Der Gebrauch des „Du“, im Zusammenhang mit der schwedischen Kultur, hat eine langgewohnte Selbstverständlichkeit, die atmosphärisch vermittelt wird (atmosphärisch könnte man auch mit unterbewusst übersetzen).

Vom Wort „unglaublich“ möchte ich, Apple-konform, geradewegs voranschreiten zum Wort „unerträglich“.

Mein Problem mit Apple und anderen Firmen ist, dass ich ihre Texte reden höre, und so wird das ganz unerträglich für mich. Ich bin davon überzeugt, dass andere Menschen es nur verdrängen, dass sie sich bedrängt fühlen, wenn sie das lesen müssen.

Ich möchte zurückkommen zu ein paar ganz wunderbaren Beispiele, wo Stimme eine große Rolle oder sogar die Hauptrolle spielt.

Scheinbar ganz alltäglich: Telefon und Email.

Die Telefonate mit meinen Kunden gehören in meinem Beruf zum Wichtigsten überhaupt, denn ich weiß, wie viel man am Telefon bewegen kann, wenn man dem Persönlichen wirklich Raum gibt.

Hier spielt unsere Stimme die Hauptrolle und wir können in Minuten Dinge klären, für die man schriftlich manchmal Wochen braucht. Selbstverständlich bereite ich mich sehr gut darauf vor, denn meine Arbeit ist immer persönlich gemeint.

Halten Sie das für alltäglich? Ich nicht.

Ebenso wenig ist Email für mich alltäglich. Ich war dankbar für dieses Medium: Man kann frei gestalten!
Jedes Wort zählt und im Grunde hat man, mit der noch leeren Emailseite, wie früher ein leeres Blatt Papier vor sich.
Und muss: Einen Brief schreiben. Eine Kunst, die durch die Email wiedererweckt worden ist.

Viele sind sich gar nicht mehr darüber im Klaren, wie stark ein paar direkt geschriebene Worte wirken.

Wenn ich eine Email von einem Kunden empfange, höre ich ihn nach spätestens zwei Zeilen reden. Gut, ich bin sehr empfänglich für den Zusammenahng zwischen Stimme und Text, aber unbewusst dürfte das bei allen im Prinzip das Gleiche sein:
Eine sehr persönliche Wirkung.

Für mich ist es sehr wichtig, ich fühle mich von den Sätzen einer Email stark angesprochen und kommuniziere gerne lebendig und präzise zurück. Selten benutze ich die selben Ausdrucksweisen, sondern formuliere am liebsten immer neu.

Ich gehe aber noch einen Schritt weiter:
Ich bin nämlich der Meinung, dass meine Kunden mich ebenfalls unterbewusst reden hören, wenn sie meine Email lesen. Und dass sie meistens sehr genau spüren, was ich an Stimmung in mir trage, wie ich mich befinde, mit dem, worüber wir gerade sprechen. Ja, SPRECHEN.

So, wie Menschen früher in einen Brief versunken sind, den sie bekommen haben. Manchmal das einzige Lebenszeichen oder die persönlichste Ausdrucksmöglichkeit zwischen zwei Menschen.
So kann man auch mit einer Email umgehen. Man hört oft die Stimme des anderen, wenn man seine Worte liest.

Deshalb gebe ich mir sehr viel Mühe mit meinen Emailantworten. Am liebsten antworte ich jedem persönlich. Und selbst wenn ich einen Rundbrief herausgebe, der im Prinzip für zwei verschiedene Kurse gilt, so formuliere ich gerne für jeden Kurs etwas anders, um meine Kunden zu erreichen, um ihnen zu zeigen, dass ich für sie da bin.

Ich gehe davon aus, dass meine Kunden spüren, ob sie für mich wichtig sind oder nicht. Und Schrift drückt für mich letztendlich direkt Stimme aus, menschliche Stimme, die wiederum für die ganze Persönlichkeit steht.

So, wie es ganz zuletzt bei meinem Vater und mir war. Für uns beide existierte die Welt nur noch in unserer Stimme, wenn wir unser tägliches Telefongespräch führten.
Und das war unter diesen Umständen für uns eine glückliche Brücke, die wir ausgiebig genutzt haben.

Für Fragen und Anregungen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

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Alle Rechte vorbehalten ©Werner Gorzalka 2014

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