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Letztes Jahr saß ich in einem so genannten Seminar.
So genannt, weil es keines mehr war.

Wenn ich den Begriff Seminar ernst nehme, dann heisst das, ich möchte etwas vermittelt bekommen. Etwas, das der Vortragende auch ernst meint.

Allein, es gab die Pose.
Ja, der ganze Vortrag war eine einzige Pose!

Ich war auf dem Petersberg und bin in meinen Lieblingsraum gegangen. Den ich den Spiegelsaal genannt habe, bevor der Doktor der Geschichte, Helmut Kohl, auch dieses Gebäude hat zerstören lassen. Das einstmals schönste Hotel Deutschlands.

In diesem hohlen Neubau aus den achtziger Jahren, bekam ich einen ebenso hohlen Vortrag zu hören.

Seit längerem müssen wir Ausdrücke wie „authentisch“, „Persönlichkeitsentwicklung“, „Die Teilnehmer erfahren…“, „Führung im Raum der Werte“, oder „erleben“ und „Sie erhalten Tipps zu Inszenierung und Auswertung erfahrungsorientierter Übungen im interkulturellen Kontext“ ertragen!

Sind wir noch wir selbst? Oder besser: Sind wir noch?
Die Künstlichkeit einer Trainersprache, entwickelt in den letzten fünfzehn Jahren, hat anscheinend ihren Höhepunkt erreicht. Mehr geht nicht.
Wie auch dieser Vortrag zeigte.

Brav klapperte die Rednerin jede Prämisse, die sie meinte beachten zu müssen, ab. Eine nach der anderen. Wahrscheinlich in dem Gedanken, allem gerecht werden zu müssen.

Damit meine ich wirklich allem: Zeichnungen auf der Leinwand statt vielleicht doch Worte, Farben zum Erläutern, Symbole wie für Kinder, Abläufe wie aus dem Lehrbuch, Worte, Sätze, Absätze, alles wie ein Vorbild für Trainer.

Die Wörter entstammten nur noch der Trainersprache.

Der Vortrag war tot.

Sie als Trainer kennen das. Sie als Personalentwickler auch. Sie als Führungskraft nehmen es vielleicht nicht mehr wahr, weil Sie versucht haben alles zu verinnerlichen, was Ihnen an Training angeboten wurde. Dabei haben Sie vielleicht sich selbst verloren und wurden „persönlichkeitsentwickelt“.

Ich erinnere mich an die oberste Führungskraft eines sehr großen deutschen Konzerns. Dieser Mann hatte viel Ausbildung gehabt, gerade zum Sprechen. Wie mir ein Fachmann sagte, sprach diese Führungskraft gut. Der Fachmann wies mich also explizit darauf hin.
Später habe ich mich gefragt, warum mir dieses „gute Sprechen“ nicht selbst aufgefallen war.

Die Lösung fand ich dann zehn Jahre später, als ich jemandem aus einem anderen großen Konzern für teures Geld trainierte. Es handelte sich um eine mittlere Führungskraft, die aufsteigen wollte

Nach einigen Trainings merkte ich, dass er einfach alles machte, was ich ihm vorschlug.

Ich wusste natürlich schon seit langem, dass wirkliche Führungskräfte sehr schlagkräftig sind und deshalb auch ein entsprechendes Training erwarten, um möglichst viel mitzunehmen. Sogar der Preis muss entsprechend hoch sein, sonst nehmen sie das Training nicht ernst.

Ich befragte ihn dazu und er bestätigte mir, dass er einfach alles machte, was ich ihm vorschlug. Er lernte sich so schnell wie möglich alles an, was ihm angeboten wurde. Und blieb so letztendlich an der Oberfläche.

Was ich aber wollte und will, ist die eigene Persönlichkeit zu fördern.
Im Detail: Den stimmlichen Aufbau direkt auf die eigene und wirkliche Persönlichkeit aufzusetzen.
Dazu muss man ihr aber Zeit geben und kann sie nicht mit technischen Übungen in die Knie zwingen.

Da wusste ich, warum ich oben erwähnten Herrn, den Konzernlenker (auf hohem Niveau) als ausdruckslos empfunden hatte. Er war mir nicht aufgefallen, weil er in der Lernphase den stimmtechnischen Fähigkeiten keine Zeit gegeben hatte, sich mit der Persönlichkeit auseinander zu setzen.

Es war aufgesetzt, angelernt. Zwar auf sehr hohem Niveau, aber dennoch angelernt.
Die Person, die mich auf das hohe Niveau hinwies, hatte allzu großen Respekt vor der „Technik“. Die in Deutschland über allem steht.

Und dann auch alles erdrückt.

Ist das der Grund, warum ich Führungskräfte im allgemeinen als sehr grau empfinde?

So war dann auch der Vortrag. Ich fühlte mich gezwungen. Musste mich zwingen zu bleiben. Ein Etikett jagte das andere. Wie eine Wagner-Arie klebten sie lose aneinander, äußerlich aneinandergereiht. Aber nicht innerlich.

Mir kam der Gedanke an die Aschenbecher meines Großvaters in seinem Bücherzimmer. Er rauchte große Zigarren. Damals nahm man einen Glasaschenbecher, hinterklebte die Unterseite mit den Zigarrenetiketten und überklebte diese dann mit einem schönen Filz.
So konnte man von oben all die schönen Zigarrenbanderolen erkennen, wenn man die Asche abschlug.

Genauso ist oftmals eine Wagner-Arie aufgebaut: Ein Etikett an das andere geklebt, oft ziemlich unorganisch folgt eins dem anderen.

Das gleiche erlebte ich nun in „meinem“ Spiegelsaal, bei eben diesem Vortrag.

Die Rednerin wirkte auch nicht belebt, sondern vielmehr erschöpft. Kein Wunder, denn aufgrund des unorganischen Aufbaus erschöpfen Wagner-Arien eben auch den Sänger, der sich dem nicht bewusst stellt.

Wieder einmal sind es die Deutschen, die es besonders richtig machen wollen.
Aber leider gerade deswegen scheitern. Weil sie es immer noch nicht gelernt haben, mit ihrer Persönlichkeit richtig umzugehen.

Man kann nicht wirklich etwas mit dem Nürnberger Trichter in den Menschen hineinzwingen, aber viele Trainings wirken heutzutage genau so.
Aus demselben Grund ist das Gymnasium in zwölf Jahren statt in dreizehn praktisch gescheitert.

Weil man der Persönlichkeit nicht den Raum gibt, den sie braucht.
Wirkliche Technik wirkt in die Tiefe und diese echte Tiefe beherrscht man in Deutschland schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Dabei ist in Deutschland das zentrale Instrument zur Bildung der Persönlichkeit durchaus noch präsent. Ich sage bewusst „noch“.

Um welches Instrument handelt es sich? Um unsere Hochsprache.
Verbunden mit einer  Stimmbildung, die den Namen verdient, ist sie das zentrale Instrument.

Viele Begriffe aus dem Denglischen oder aus der Trainersprache vermitteln, dass sie den Inhalt, den sie denotieren, auch vollständig darstellen oder zugänglich machen und nichts offen lassen.

Anders gesagt: Schlagworte erschlagen die Tiefe.

Eine Hochsprache verkörpert aber gerade das Gegenteil: Sie öffnet, schafft innere und äußere Freiheit, führt weg von Schlagworten zu Inhalten.
Die man nur fühlen, erfühlen kann, weil sie durch Worte nicht vollständig darstellbar sind.

Ich kann die Inhalte jemand anderem nur nahelegen – weil derjenige immer etwas anders fühlt als ich. Das Unbewusste und Unterbewusste spielt die eigentliche Rolle, und Sprache sucht, spielt und sortiert dort.

Genau das macht die Freiheit aus: Die Weiterentwicklung dieses Spielraums, den wir dann nutzen können, um uns wirklich und nachhaltig weiterentwickeln zu können. Dahin, wo wir wirklich Neuland betreten. Wir wissen nicht, wie es da aussieht, aber die Sprache bereitet uns auf diese neuen Dinge und den Umgang mit ihnen vor, mehr, als wir denken.

Eine festliegende Trainersprache oder die Analyse einer Persönlichkeit in drei oder sechs festliegenden Parametern aber verschließt uns eben diese Möglichkeit.

Deswegen finden Geisteswissenschaftler, entgegen dem was die meisten denken, problemlos eine Arbeit. Sie kommen, wie Untersuchungen zeigen, alle unter. Denn sie sind meist beweglicher als die technisch Ausgebildeten.

Ausnahmen bei den Technikern sind für mich nur die Physiker: Sie gehören seit Jahrtausenden zu den kreativsten Köpfen überhaupt und beeinflussen immer wieder scheinbar vollkommen fremde Gebiete.

Warum? Ihre Wissenschaft ist heterogen aufgebaut. Sie folgt nicht wie die anderen einem einzigen Grundprinzip, sondern ist in Wirklichkeit ein Konglomerat aus mehreren Wissenschaften.

Sprache muss ebenso öffnen. Sie führt in Tiefen und zwar in unendliche. Sie verschließt nicht, wie etwa Denglisch oder Dialekte.

Frau Martienssen-Lohmann hat das in den fünfziger Jahren genutzt. Sie hat eines der sehr wenigen Bücher über Stimme geschrieben, die ich empfehlen kann. Es ist lesenswert, teilweise sogar für Laien, die sich fortbilden wollen.

Das gleiche gilt für die Aussprache. Sie muss ebenso in die Tiefen der Persönlichkeit hin öffnen. Denn die Intuition, die das nutzt, entscheidet alles. Und ohne ein fundiertes Stimmtraining geht da gar nichts.

Eine der definierten Hochsprachen wie Französisch, (Oxford-)Englisch, Italienisch oder Deutsch, hat einen Grundstandard, der verschiedene Balancen garantiert. So zum Beispiel auch den zwischen Sprache und Stimme.

Wenn ich das aufgebe, mit einer künstlichen Sprache, die alles festschreiben will, muss ich scheitern. Für Dialekt gilt dasselbe. Seine Ausdrucksmöglichkeiten sind begrenzt.

Training, sprich Personalentwicklung, versucht heute offensichtlich zu vermitteln, dass man Dinge bis aufs Letzte kontrollierbar machen kann.

Wie das Controling, das gerne mehr als Buchhaltung sein will. Es aber nicht kann, weil letztendlich alles auf persönlicher Verantwortung beruht, weil man nur so die Tiefe und Offenheit der menschlichen Persönlichkeit mobilisiert. Für den Firmenzweck.

Man kann diese persönliche Verantwortung nicht durch Evaluation oder Qualitätssicherung ersetzen. Es ist nicht alles nachvollziehbar, was aus der Tiefe der menschlichen Persönlichkeit so unvergleichlich stark und schöpferisch wirken kann, wenn man ihr vertraut.

Diese Tendenz zum Absichern über die falsche Ebene, seit den achtziger Jahren, z.B. über das Controling, war es,  das uns in letzter Konsequenz zur andauernden Finanzkrise geführt hat. Weil wir uns das Denken haben abnehmen lassen. Das offene Denken in aller Tiefe der Persönlichkeit.

So haben wir uns in der Firma die persönliche Verantwortung abnehmen lassen. Bei grossen Firmen läuft alles über drei Unterschriften, von denen keine mehr wirklich Verantwortung tragen will oder kann.

Das offene, selbstverantwortlliche Denken haben wir uns damit abnehmen lassen, das sich in unserer eigenen Sprache, der Hochsprache, ausdrückt, dem Instrument, das der menschlichen Persönlichkeit am besten entspricht.

Die Sprache ist das erste und wirkliche Gefäß des Menschen und verkörpert als allererstes Kultur. Daran hat die Technik nichts ändern können. Und wird daran auch nie etwas ändern können.

Langsam ändert sich deswegen der Blickwinkel. Man beginnt die Leistungsfähigkeit einer Persönlichkeit zu erkennen, die eine Hochsprache wirklich beherrscht und nicht antrainiert hat.
Die Geisteswissenschaften kommen wieder, gewinnen wieder an Ansehen, auch, wenn man nicht so genau weiß, warum.

Das größte Reich der Erde ist von Leuten regiert worden, die ausschließlich tote Sprache studiert hatten.
Es handelt sich um das Großbritannien des neunzehnten Jahrhunderts.

England ist ausserdem der Hort des Theaters und das nicht ohne Grund. Das Theater basiert auf der Sprache. Einer Sprache mit definierter, festgelegter Aussprache.
Was man beispielsweise für das US-Amerikanische überhaupt nicht sagen kann.

Weil man es hier mit einer dialektalen, also einer vergleichsweise primitiven Aussprache zu tun hat, ist es auch nicht gerade günstig, dass viele junge Leute ausgerechnet in die USA geschickt werden, wenn es um einen Auslandsaufenthalt geht.

Vielleicht haben Sie auch bemerkt, dass es nicht wenig Führungskräfte in Deutschland gibt – und ich spreche da von Führungskräften im sehr allgemeinen Sinne, nicht nur industriebezogen – die mehr oder weniger fliessend Französisch beherrschen? Sie haben den Wert dieser Sprache erkannt, ihren Wert für die eigene Persönlichkeit.

Genau so sollten wir dem Hochdeutschen wieder seinen Platz geben.

Und vor allem wieder ein Gespür dafür entwickeln, warum!

Meine Internetseite wird nach und nach in diesem Sinne umgestellt. Ich ziehe es vor, die Menschen direkt ansprechen zu können. Nicht durch einen Filter, der mir von aussen aufgezwungen wird.

Glücklicherweise gab es auf dem Petersberg einen weiteren Vortrag, der mich für alles entschädigte.

Unerkannt tummelt sich seit Jahren eine Dame auf dieser Veranstaltung, die in der Lage war und ist, eine Theorie zur Personalentwicklung zu liefern, die selbstverständlich auf der Systemtheorie basiert.
Der Metatheorie von Luhmann, die es uns seit den achtziger Jahren ermöglicht, eine zusammenhängende Sichtweise für alle Wissenschaften (auch den Geisteswissenschaften) zu entwickeln.

230420101020 Petersberg mittel markiert winzigDa ich diskret bin, lasse ich es Ihnen als ein Rätsel für das nächste Mal, wer sich so luzid und fundamental zur Personalentwicklung zu äußern vermag.

Als kleiner Tipp: Der Vortrag war im größten Saal, dem Marmorsaal.
Weil so viele kamen, um dem spannenden und angenehmen Vortrag zu  lauschen.

Da hat es dann richtig Spaß gemacht.

Für Fragen und Anregungen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

http://www.go-arts.de

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